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Tag "OPAK"

Man könnte Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“ als einen Film über ein Bombenräumkommando im Irak beschreiben. Man könnte ihn aber auch als eine Meditation über den Tod betrachten. Dieser nämlich ist dort wirklich und buchstäblich überall und kann jederzeit zuschlagen, wie im „echten“ Leben auch, nur mit statistisch höherer Wahrscheinlichkeit, und alles, was vor seinem Eintreten, das nur eine Frage der Zeit ist, stattfindet, sind Übersprungshandlungen, Varianten des Versuchs, mit etwas umzugehen, mit dem nicht umzugehen ist. Die Odyssee, auf die Bigelow ihre drei Protagonisten schickt, von absurder Sterbemöglichkeit zu absurder Sterbemöglichkeit, ist gerade in ihrer inszenierten Subjektivität wesentlich „näher dran“ an diesem Krieg, der kein Krieg ist, als die ebenso und nicht in geringerem Maße inszenierten Versuche der dokumentarischen „Objektivität“ von „Battle for Haditha“ oder „Redacted“. Bigelows Irak ist ein surreales Konstrukt, eine Welt und Umgebung, in der die eigenen Codes nur begrenzt gültig sind, ähnlich vielleicht den Umständen, in denen Kolumbus sich plötzlich wieder fand, als er das Eigene, Europäische wie selbstverständlich auf das Andere, Fremde, anwenden wollte, ohne auch nur auf die Idee der Möglichkeit einer differenten Kultur und somit eines differenten Weltbildes zu kommen. Dieses jedoch ist hier wie da permanent vorhanden und Ursprung allen Übels. Dort draußen, in der irakischen Wüste, funktionieren nur die Basics, die Physik also, die Biologie und somit der Tod. Alles andere spielt keine Rolle. Und so ist, weit ab von jeder Theorie, auch nur damit umzugehen.

Siehe auch: Die Angst vor den Barbaren / Das Problem des Anderen / Befindlichkeiten

 

Erschienen in: OPAK #3 / 2009. Ein PDF des Artikels findet sich hier (S. 61)

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Es riecht nach Holzkohle und Blumen am Hauptportal des Longhua Funeral Parlors in der industriellen Peripherie Shanghais. Rechts und links des Tores kauern sich zur Straße hin offene Läden in den Schatten eines Autobahnzubringers, in einem der Geschäfte, das sich auf Grabsteinplaketten spezialisiert hat, photoshopt soeben ein Angestellter im Beisein eines Kunden ein Bild dessen verstorbenen Großvaters. In einer Vitrine liegen neben alten Emailleplaketten, auf denen Uniformträger und glückliche Ehepaare in Schwarz-Weiß zu sehen sind, kolorierte Beispielvarianten mit dem Abbild Britney Spears’.

Auf dem Gelände selbst fällt als erstes das wohl erst kürzlich errichtete Hauptgebäude auf, das sich mit einer architektonischen Mischung aus Bauhaus und Star Wars über diverse Aussegnungshallen, ein Krematorium und ein eher gastronomisch orientiertes Bauwerk, in dem sich mehrere Dinnersäle befinden, deren Belegung aus einer digitalen Anzeigetafel neben dem Eingang zu ersehen ist, erhebt. Betritt man das Hauptgebäude selbst, findet man sich in einer großen Empfangshalle wieder, die sich über alle vier Stockwerke hinweg bis unter das Dach erstreckt; das Muster auf dem blanken Marmorboden leitet den Blick vorbei an diversen Schaukästen, in denen mit Preisschildern ausgezeichnete Urnen stehen, hin zu einem sehr breiten Empfangstresen, über dem ein circa zehn Meter hohes Gemälde hängt, das den Zirkel des Lebens so zeigt, wie ihn Gustav Klimt wohl gestaltet hätte, wäre er an der Schwelle zum neuen Jahrtausend in China auf die Welt gekommen.

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Gesa Johanna Roskamp: KIMONO, 2006, Öl auf Segeltuch, 55 x 68 x 16 cm

Will man Gesa Johanna Roskamp in ihrem Atelier besuchen, so muss man weit in den Norden Berlins fahren. Dort befindet sich, an einer großen Einfallstraße, umringt von geduckten Plattenbauten, ein altes Gebäude aus früher DDR-Zeit, in dessen Hohlräumen wahrscheinlich der Asbest tanzt und bestimmt die Geschichte. Nach der Wende bot es für einige Zeit diversen Exotenfächern der Humboldt-Universität Obdach, wovon noch die Beschriftungen an manchen aufgelassenen Räumen zeugen, deren Anblick teilweise jedoch auch an ganz andere Umstände erinnert. Es gibt lange, linoleumbedeckte Flure, leere Zimmer, alte Telefone, zurückgelassene Dekorationen, Unmengen toter Fliegen vor kalten Heizkörpern, hier einen Papierkorb, dort einen Wandkalender von 2002, abgerissene Jalousien, einen halb übermalten Zeitungsausriss mit dem Bild Christoph Schlingensiefs, Blumentapeten aus den 60ern, einen Transformator in der sonst ausgeräumten Pförtnerloge, einen holzgetäfelten Aufzug. Abstruse Formen des Kunstschaffens und der Lagerkultur. Von irgendwoher Musik.

Nach dem Abzug der Akademiker vermittelte die Kunsthochschule Weißensee ihren Studenten hier günstige Atelierräume und mittlerweile lassen sich diese frei von der Baugenossenschaft mieten. Auf der ersten Etage befinden sich die Räumlichkeiten eines privaten Archäologieunternehmens, das im Auftrag des Landesdenkmalamtes Grabungen nahe des Alexanderplatzes leitet, wo bei Aushebungen für ein unterirdisches Parkhaus im letzten Jahr die Überreste eines Friedhofs aus dem 18. Jahrhundert gefunden wurden. An den Wänden hängen kopierte Stadtpläne mit orangefarben markierten Grabungsstätten, an einer Tür klebt der Hinweis: „Funde von St. Georgenkirche bitte in den Raum 260 im Flur ganz hinten links“. Bis vor Kurzem lagerte hier noch eine große Zahl menschlicher Knochen, nach anatomischen Kategorien sortiert, ihre letzte Hülle seit Jahrhunderten längst abgelegt.

Auf eben diesem Flur, inmitten all dessen, befindet sich, einer Oase gleich, Gesa Roskamps Atelier. Auch sie, 1982 in Ostercappeln geboren, einem kleinen Ort bei Osnabrück, ist auf Vermittlung ihrer Alma Mater Weißensee, wo sie zunächst bei Katharina Grosse studierte und später dann bei Antje Majewski, hierher geraten. 2008 war ihr Meisterschülerinnenjahr. Ihr kleiner Raum geht zur Straße hinaus und vormittags ist das Licht am besten. Es gibt einen Tisch, zwei Stühle und diverse Regale voller Malutensilien. Und natürlich Leinwände, viele Leinwände, auf denen Farbe ist und Dinge sich zeigen. Dinge, die man nicht sieht. Gesa Roskamp malt keine Porträts, sondern verhüllte Körper, die wiederum nur Platzhalter sind für das, was sich hinter und in ihnen verbirgt.Der uralte Diskurs von Verhüllen und Enthüllen, von Sichtbar und Unsichtbar zeigt sich in einer ganz neuen, anderen Variante.

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Ein Versuch über Schmutz und Film

Der dickste Teppich, in dem meine Füße jemals versanken, befindet sich im Logenbereich des Sathyam Cinemas in Chennai. Der Regisseur K. Hariharan, mit dem ich in jenen Tagen viel Zeit in einem viel zu kalten Schneideraum verbrachte, nur unterbrochen von gelegentlicher Suppe und Samosas in der Studioküche, hatte uns zur Premiere von Om Puris neuestem Film, „The Hangman“, eingeladen. In diesem spielt er, worauf der Titel bereits dezent verweist, einen Henker, der im dramatischen Verlauf der fast dreistündigen Handlung seinen einzigen Sohn an die illegalen Verlockungen der Großstadt verliert und am Ende tatsächlich vom Lande her anreisen muss, um selbigen zu hängen, durch den obersten Richter persönlich gerufen, da er der Letzte und Beste seiner Zunft ist. Es wurde jedoch nicht gesungen. Warum fällt mir das gerade jetzt wieder ein? Wahrscheinlich, weil ich kürzlich „Charlie Wilson’s War“ sah, und auch Om Puri wieder, der dort General Muhammad Zia-ul-Haq verkörpert, seines Zeichens Staatsoberhaupt Pakistans von 1977 bis 1988 und emotionaler Joker in Joanne Herrings antikommunistischem Unterfangen, via den texanischen Abgeordneten Charles Nesbitt Wilson unglaublich hohe Geldbeträge im US-amerikanischen Kongress für die Bewaffnung der Mudschahedin freizumachen. Dies kann aus vielen verschiedenen Gründen interessant sein, ist es für mich aber hauptsächlich, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, ein Kreis würde sich nachträglich schließen zwischen den stickigen Stätten der indischen Filmindustrie und den kühlen grünen Tälern Afghanistans, die man auf dem Weg dorthin überquert, so man denn von Westen her anreist. Der Teppichboden in der Loge war übrigens fast vom gleichen Rot wie die Polsterbezüge der Air Force One in den 80er Jahren.

Sie fragen sich nun, lieber Leser, was dies wohl mit Schmutz zu tun haben soll, insbesondere mit Schmutz im Film, und Sie stellen sich diese Frage zurecht. Zunächst einmal nämlich gar nichts, es sei denn, man würde die ausgelatschten metaphorischen Pfade betreten wollen, auf denen alles mit allem zu tun hat und beispielsweise ein blitzsauberer flauschiger Teppich in einem indischen Großstadtkino nicht nur als Aufhänger für einen bemühten Diskurs zur Dialektik des Einschließens und Ausschließens, der Abgrenzung und des Einbezugs dienen könnte, sondern zugleich auch noch hinzeigt zu den tausend Plateaus, auf, unter und zwischen denen alle Dinge, Menschen und Ereignisse miteinander verknüpft und verwoben sind. Ein wenig esoterisch, nicht wahr?

Andererseits jedoch tatsächlich auch irgendwie – wahr. Denn der Begriff des Schmutzes hat immer auch mit der Sehnsucht nach Reinheit zu tun. Mit dem Guten und dem Schlechten. Mit dem, was man will und dem, was man nicht will. Der Schmutz ist also zunächst einmal per definitionem das, was nicht zu wollen ist, das Ausgeschlossene, das weg muss und bestimmt somit aber zugleich das Gute, Wahre, Schöne, also eben das, was sehr wohl zu wollen ist und in der Welt sein und auch bleiben soll. Der Begriff, mit dem wir es zu tun haben, ist folglich einer der Ausgrenzung, der zugleich immer auch dialektisch der Bestimmung dessen dient, zu dem er nicht gehören soll. Am Notausgang links sehen wir kurz Michel Foucault winken, bevor er leise den Saal verlässt. Popcorn holen, wahrscheinlich.

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