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Tag "Camp"

Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ und die Freuden der Referenz

Was also ist noch zu sagen? Cannes bereitet sich schon wieder aufs nächste Jahr vor, alle Weltpremieren sind gelaufen – die Kuh ist also nicht nur längst durchs Dorf getrieben worden, sie steht sogar bereits wieder draußen auf der Weide, angebunden an einen Kübelwagen, wenn mich mein Feldstecher nicht täuscht. Trotzdem: Ein paar Dinge sind vielleicht noch zu erwähnen, zusätzlich zu der wirklich unglaublichen Großartigkeit von Christoph Waltz, der es schafft, noch weit über die ohnehin nahtlos wunderbare Besetzung herauszuragen. Selbst Til Schweiger, der natürlich nur wieder Til Schweiger spielt, und größtenteils stumm guckt, wie er nun mal guckt, funktioniert hier bestens als Teil der Gesamtkomposition. Ähnliches lässt sich über Diane Kruger sagen, wenn auch unter leicht anderen Voraussetzungen und mit mehr Text.

Einige Fußnoten also. Wir wissen: „Inglourious Basterds“ ist ein Film über das Kino. Wollte man eine sehr gewagte These aufstellen, könnte man sogar behaupten, er sei Tarantinos „Le Mépris“. Selbstverständlich ist Tarantino mitnichten Godard, doch trotzdem haben wir es hier mit seiner bisher offensichtlichsten Liebeserklärung an das Kino zu tun, und das will etwas heißen bei jemandem, dessen bevorzugtes künstlerisches Mittel ohnehin das Spiel mit cineastischen Referenzen ist. Dies beginnt bereits mit dem Titel, der, in minimal geänderter Schreibweise, auf die englische Übersetzung von Enzo G. Castellaris „Quel maledetto treno blindato“ aus dem Jahre 1978 verweist. Im Deutschen wiederum heißt er „Ein Haufen verwegener Hunde“, was in diversen Feuilleton-Artikeln über die „Basterds“ zu Referenz-Verwechslungen mit Robert Aldrichs „Das dreckige Dutzend“ von 1967 führte.

Dieser hat jedoch, als großzügig finanzierte Hollywoodproduktion, abgesehen von dem Motiv der aus Außenseitern bestehenden Soldatentruppe, die im zweiten Weltkrieg ein Himmelfahrtskommando durchführen muss, recht wenig mit Castellaris europäischem Exploitationwerk zu tun. Jenes nämlich ist unglaublich campy und somit ein wahrer Freudenquell der halbironischen Kinorezeption. Vor allem ist hier der Aspekt der Sprache zu erwähnen, da sämtliche deutschsprachigen Rollen mit Schauspielern besetzt wurden, die der Sprache gar nicht mächtig sind, jedoch wie selbstverständlich radebrechend deutsche Sätze aus dem Skript aufsagen, was insbesondere für den Hauptdarsteller Bo Svenson gilt. Schon allein deshalb sollte man diesen Film also unbedingt im Original schauen.

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Hach, Kino! Seltsame Blüten, die Du manches Mal treibst! Stellen Sie sich vor, Peter Maffay würde in einer recht groß budgetierten deutsch-asiatischen Filmproduktion mitwirken und in dieser einen in die Jahre gekommenen Gaststättenbesitzer aus dem halbweltlichen Millieu darstellen, der sich, bereits von Demenzerscheinungen heimgesucht, auf in den Süden Chinas macht um dort in Namen und Auftrag seiner Tochter Rache zu üben.

Klingt merkwürdig? Vor allem aber unwahrscheinlich? Nun, das ist es wohl auch. Gut, dass unsere französischen Nachbarn da etwas aufgeschlossener sind oder auch einfach nur ein anderes Verständnis von Obskurität haben. Dort nämlich ist derartiges sehr wohl möglich. Nehmen Sie einfach den obigen Plot und ersetzen Sie Deutschland durch Frankreich und Peter Maffay durch sein dortiges Equivalent und schon sind wir bei dem im Jahre 2009 von Johnnie To gedrehten Vengeance.

Johnny Hallyday nämlich, der im kulturellen Kanon unserer europäischen Nachbarn wohl nicht nur die Stelle des Peter Maffay, sondern gleichzeitig auch noch die des  Peter Kraus besetzt, spielt eben diesen alten halbseidenen Herren, dessen Tochter (dargestellt von Sylvie Testut, die manch einer vielleicht noch aus Jenseits der Stille kennt) als einzige das Massaker an ihrer (und somit auch seiner) Familie überlebt. Und da sie mit einem Hongkong-Chinesen verheiratet ist/war, trägt sich das Ganze eben dort und im benachbarten Macau zu.

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