— Paragraphien

Sie sind ein hervorragender Vorsänger, Mr. Rockefeller

Bei dem Wort Syriana handelt es sich um einen US-amerikanischen Fachbegriff für eine mögliche Umstrukturierung des Nahen Ostens nach westlichem Vorbild, mit deren Ausarbeitung sich Organisationen wie das Komitee zur Befreiung des Irak beschäftigen, welches sich im Film in das (fiktive) Komitee zur Befreiung des Iran verwandelt und natürlich keinen anderen Zweck hat als die nötigen Bedingungen zu schaffen, um mögliche Märkte für die US-Wirtschaft zu erschließen.

Stephen Gaghan, Drehbuchautor von Traffic und Regisseur von Syriana, stieß bei Recherchen für erstgenanntes Werk immer wieder auf bemerkenswerte und auch bemerkenswert unverdeckte Verquickungen von Energiefirmen und Regierungsmitarbeitern. Zur künstlerischen Bearbeitung dieser offenen Geheimnisse fehlte jedoch noch eine dramatische Grundlage. Diese war gefunden, als Gaghan auf die Memoiren des Ex-CIA-Agenten Robert Baer stieß, der im Film von George Clooney dargestellt wird.

Mit dieser Basis und dem Handelsgut Öl als schwarz glänzendem Faden erzählt Syriana drei große und viele kleine Geschichten, die alle mit dem gleichen zu tun haben. Es geht um Macht und deren Gegenteil, um Ausbeutung und Maßlosigkeit und natürlich um Korruption. Diese sorgt dafür, dass der Wohlstand der westlichen und insbesondere US-amerikanischen Welt gesichert ist und auch bleibt.

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Praktisch heißt das, dass beispielsweise Agent Bob (Clooney) unliebsame Akteure ausschaltet, ein Analyst einer Energiehandelsfirma (Matt Damon), dessen Sohn ausgerechnet durch einen Stromstoß ums Leben kommt, sich zunächst bei einem reformorientierten arabischen Thronfolger anbiedert, dann aber sein Berater wird, oder ein Anwalt die rechtlichen Grundlagen einer Ölmulti-Übernahme untersucht –  die Verquickungen sind noch wesentlich komplexer, gemein ist aber allen Protagonisten, dass sie früher oder später tiefer in die Materie verstrickt sind als es ihnen gut tut.

Nimmt man in einem dialektischen Versuch Charlie Wilson’s War als erzählstrukturelle These her, so ist Syriana wohl die Antithese dazu. Waren in erstgenanntem konkrete (also an bestimmten Personen und Ereignissen festzumachende) Umstände die Grundlage für eine leicht und satirisch erzählte Abbildung derselben, so sind es hier fiktive Figuren, die die täglichen Zustände und Geschehnisse unserer Realität darstellen sollen. Dies geschieht sehr nüchtern, sehr klar, fast kalt, in einer geradezu laborhaften Analyse.

Die klassische Metapher von der mathematischen Gleichung ist hier ausnahmsweise mal wirklich passend. Variablen kommen miteinander in Verhältnisse, Zustände ändern sich, Auswirkungen sind wahrzunehmen. Dies ist kein hochspannender Film im klassischen Sinne, der alle dramaturgischen Möglichkeiten eines Thrillers ausagiert. Im Gegenteil: Wenn man Unterhaltung sucht, ist man eher schlecht bedient. Jedoch entfaltet er in seiner frostigen Präzision ein Klima, das mehr als gut zu den dargestellten Vorgängen passt und vielleicht deshalb genau das richtige ist.

 

Zuerst erschienen auf freitag.de