— Paragraphien

Plexiglas und Blumengestecke

Es riecht nach Holzkohle und Blumen am Hauptportal des Longhua Funeral Parlors in der industriellen Peripherie Shanghais. Rechts und links des Tores kauern sich zur Straße hin offene Läden in den Schatten eines Autobahnzubringers, in einem der Geschäfte, das sich auf Grabsteinplaketten spezialisiert hat, photoshopt soeben ein Angestellter im Beisein eines Kunden ein Bild dessen verstorbenen Großvaters. In einer Vitrine liegen neben alten Emailleplaketten, auf denen Uniformträger und glückliche Ehepaare in Schwarz-Weiß zu sehen sind, kolorierte Beispielvarianten mit dem Abbild Britney Spears’.

Auf dem Gelände selbst fällt als erstes das wohl erst kürzlich errichtete Hauptgebäude auf, das sich mit einer architektonischen Mischung aus Bauhaus und Star Wars über diverse Aussegnungshallen, ein Krematorium und ein eher gastronomisch orientiertes Bauwerk, in dem sich mehrere Dinnersäle befinden, deren Belegung aus einer digitalen Anzeigetafel neben dem Eingang zu ersehen ist, erhebt. Betritt man das Hauptgebäude selbst, findet man sich in einer großen Empfangshalle wieder, die sich über alle vier Stockwerke hinweg bis unter das Dach erstreckt; das Muster auf dem blanken Marmorboden leitet den Blick vorbei an diversen Schaukästen, in denen mit Preisschildern ausgezeichnete Urnen stehen, hin zu einem sehr breiten Empfangstresen, über dem ein circa zehn Meter hohes Gemälde hängt, das den Zirkel des Lebens so zeigt, wie ihn Gustav Klimt wohl gestaltet hätte, wäre er an der Schwelle zum neuen Jahrtausend in China auf die Welt gekommen.

[…]

Hinter der Empfangshalle befinden sich die Aufzüge, vor denen soeben eine Blaskapelle wartet, sowie ein weiteres Geschäft, in dem sich neben diversen Sargmodellen, passender Bekleidung und erneuten Fotoplaketten auch kleine rosafarbene Stoffbeutel erwerben lassen, auf denen ein traurig weinender Comichund abgebildet ist. Schleicht man sich dann, halbherzig auf Kamera und gefälschten Presseausweis verweisend, in den Servicebereich des Gebäudes, findet man sich plötzlich inmitten wuselnder Angestellter wieder, die nicht mehr benötigte Blumengestecke die Treppen herunterschleifen, so dass diese über und über mit Blüten und Blättern bedeckt sind. Den Stufen nach oben folgend, an der offen stehenden Tür eines Sarglagers vorbei, gelangt man wieder in die offiziellen Räumlichkeiten und steht plötzlich im eigentlichen Herzen des Unternehmens.

Über zwei Etagen wechseln sich mit rauchenden Verwandten vollbesetzte Wartesäle ab mit Zeremonienräumen, in denen nach einem Nummernsystem halbstündlich Trauerfeiern abgehalten werden. Während in dem einen marmorglänzenden Raum gerade die Blumengestecke erneuert, das Bildnis des Verstorbenen gewechselt und das letzte Mal durchgewischt wird, wird im danebenliegenden bereits der nächste offene Sarg in eine blütengeschmückte Plexiglasvitrine geschoben, die doch arg an Walt Disneys Schneewittchen erinnert. Wieder nach unten, vorbei an einer weiteren Etage mit kleinen Büros, in denen Liegeplätze auf Friedhöfen des ganzen Landes angeboten werden, steht man unversehens vor einem Nebeneingang, inmitten der Blaskapelle von vorhin, die darauf wartet, den nächsten Sarg zum Krematorium zu eskortieren. Neben der Tür steht ein Mülleimer in Form einer Batterie, auf dem der darauf abgebildete Duracell-Hase nochmals eine solche in den Pfoten hält. Die Luft ist kalt, und der Himmel klar.

Daniel Windheuser reiste gemeinsam mit Jens Thiel zum Jahreswechsel 2006/07 für zwei Wochen durch die Volksrepublik China um sich im Kontext des von der Kulturstiftung des Bundes im Fonds „Arbeit in Zukunft” geförderten Projektes „Die Große Pyramide” über die dortige Sepulkralkultur kundig zu machen. Eine der ungezählten Folgen dieser Unternehmung ist dieser Text.

 

Erschienen in: OPAK #1 / 2009
[Ein PDF des Artikels findet sich hier]