— Paragraphien

Natur und Kultur

Man könnte Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“ als einen Film über ein Bombenräumkommando im Irak beschreiben. Man könnte ihn aber auch als eine Meditation über den Tod betrachten. Dieser nämlich ist dort wirklich und buchstäblich überall und kann jederzeit zuschlagen, wie im „echten“ Leben auch, nur mit statistisch höherer Wahrscheinlichkeit, und alles, was vor seinem Eintreten, das nur eine Frage der Zeit ist, stattfindet, sind Übersprungshandlungen, Varianten des Versuchs, mit etwas umzugehen, mit dem nicht umzugehen ist. Die Odyssee, auf die Bigelow ihre drei Protagonisten schickt, von absurder Sterbemöglichkeit zu absurder Sterbemöglichkeit, ist gerade in ihrer inszenierten Subjektivität wesentlich „näher dran“ an diesem Krieg, der kein Krieg ist, als die ebenso und nicht in geringerem Maße inszenierten Versuche der dokumentarischen „Objektivität“ von „Battle for Haditha“ oder „Redacted“. Bigelows Irak ist ein surreales Konstrukt, eine Welt und Umgebung, in der die eigenen Codes nur begrenzt gültig sind, ähnlich vielleicht den Umständen, in denen Kolumbus sich plötzlich wieder fand, als er das Eigene, Europäische wie selbstverständlich auf das Andere, Fremde, anwenden wollte, ohne auch nur auf die Idee der Möglichkeit einer differenten Kultur und somit eines differenten Weltbildes zu kommen. Dieses jedoch ist hier wie da permanent vorhanden und Ursprung allen Übels. Dort draußen, in der irakischen Wüste, funktionieren nur die Basics, die Physik also, die Biologie und somit der Tod. Alles andere spielt keine Rolle. Und so ist, weit ab von jeder Theorie, auch nur damit umzugehen.

Siehe auch: Die Angst vor den Barbaren / Das Problem des Anderen / Befindlichkeiten

 

Erschienen in: OPAK #3 / 2009. Ein PDF des Artikels findet sich hier (S. 61)