— Paragraphien

Ich bin mir Radio selbst genug

>> [Montaigne]

Der Schweizer Bühnenautor hatte zum provençalischen Pflaumenhuhn geladen, draußen, in der Villa am See. Während die frühen ersten Gäste in der großen chromenen Institutsküche den verschiedenen ihnen zugewiesenen Zuarbeiten nachkamen, berichtete das recht junge Institutsfaktotum, welches, inkarniert in den schlaksigen Körper eines homosexuellen Rheinländers und in gewisser Weise naturgemäß, also sowohl seinem Wesen als auch seiner Rolle entsprechend, die eigentliche Kraft war, die den Betrieb (sowohl den auf die Villa bezogenen wie auch diesen anderen, größeren, noch abstrakteren) am Laufen hielt, während der eigentliche Institutsleiter die meiste Zeit auf seinem alten russischen Motorrad die umliegenden Wälder erkundete und ansonsten höchst selten, um genau zu sein, eigentlich nur, wenn offene Weinflaschen im Spiel waren, auf dem weitläufigen Parkgelände des Seegrundstücks in Erscheinung trat, wobei wiederum natürlich diese schwankende Stelle im System auch nicht unterzubewerten ist, gerade auch im Hinblick auf das Ausgleichen von Schwingungsbewegungen anderer älterer Herrschaften, sowohl das Gemüt betreffend wie auch die ganz konkrete Physis – jedenfalls berichtete das junge Institutsfaktotum also, während ich selbst Kartoffeln schälte und zugleich versuchte, aus den singulären Elementen „Flasche Madeira neben Kochtopf“, „mauretanisch geprägte blaue Muster auf den Kacheln“ sowie „Provence“ eine sinnvolle assoziative Kette zu bilden, von der soeben erfolgten Anfrage eines Redakteurs des „Stern“ (wahrscheinlich Stephan Maus, wie es ja immer Stephan Maus ist), ob denn nicht einer der Stipendiaten im Hause vielleicht Lust hätte, ein launiges Stück für den „Stern“ zu schreiben, und zwar über den weltberühmten Akteur Brad Pitt, der doch gerade, quasi ums Eck, in dem von seinem Kollegen, ja, guten Freund Tom Cruise gemieteten Anwesen logiere, und da böte es sich doch an, mal schauen zu gehen, vielleicht sähe man ja etwas.

Wenn nicht, sei es aber auch nicht schlimm, so oder so habe man doch bestimmt etwas von dem ganzen Brimborium mitbekommen, und irgendetwas werde doch irgendwem schon einfallen, diese jungen Schriftsteller hätten doch immer Ideen, schließlich sei dies doch ihr täglich Brot.

Dieser Bericht des Institutsfaktotums führte zu diversen, verschiedensten und doch einander ähnlichen Impulsen und Fragen, so der nach einer möglichen Entlohnung für besagten Artikel, aber auch Berichten über dunkle Limousinen sowie Personenschützer in den üblich schlecht sitzenden Anzügen und schließlich zu dem Beschluss, nach dem Essen einfach mal hinüberzugehen, vielleicht stehe der Herr Pitt ja gerade mit Bademantel im Garten und betrachte den Sternenhimmel, man wüsste ja nie.

Das provençalische Huhn hatte gerade den Ofen bezogen, als der letzte noch fehlende Gast zum sowohl arbeitsvermeidend wie auch dramaturgisch perfekten Zeitpunkt, nur mit einem rosafarbenen Hausmantel bekleidet, im Rahmen der Küchentür erschien. Ihre hellblond gefärbte 80er-Frisur mit Undercut hatte die genau adäquate Zerzaustheit, der überbordende Mascara den genau richtigen Grad von Zerwischtheit und das Rasiermesser in ihrer Hand den genau richtigen Grad von Blutverschmiertheit. Nur das Blut aus ihren Handgelenken wollte nicht so richtig fließen, noch nicht einmal von tropfen konnte man sprechen, eigentlich sogar konnte man sich fast fragen, ob denn da überhaupt ernsthaft geschnitten worden war.

[…]

Jedoch will man natürlich nichts Böses unterstellen, jedenfalls nichts Böseres als einen Suizidversuch, und also stürmten alle hin, und es wurden Messer weggenommen und Handtücher um Gelenke gewickelt, und die zitternde Künstlerin, denn mit diesem Attribut versah man sie landläufig (also primär „Künstlerin“, wobei das andere auch im Kommen ist), wurde in Arme genommen und sollte auf ihr Zimmer unterm Dach geleitet werden.

Der Zug aber kam bereits am Fuße der Treppe zum Stehen, als die Künstlerin raumgreifend den Handrücken zur Stirn bewegte und exklamierte, dass sie auf keinen Fall zurück in diesen Dachofen könne, wo einem das Gehirn gegrillt würde und bestimmt und überhaupt genau auch dieses Klima unterm Dach wenn doch nicht der Grund, so zumindest der Auslöser für ihr kurzgeschlossenes, wie sie es nannte, Handeln sei.

Also nahm man sie mit in den mauretanisch blau-weiß gefliesten Raum neben der Bar, wo mit Blick auf den zum See hin abfallenden Park der gedeckte Tisch auf Huhn und Gäste wartete. Der bereits dekantierte Wein wurde ausgeschenkt, und die gesamte Gesellschaft verhielt sich merkwürdig ungezwungen, nicht so, als ob man ostentativ über das soeben Geschehene hinwegsehen wollte, denn solch Vorhaben erzeugt schließlich eine immer noch größere Gezwungenheit, nein, vielmehr war es so, als ob tatsächlich niemand sich hat umbringen wollen, an diesem Abend, in diesem Haus.

Und auch die Künstlerin wirkte plötzlich wieder ganz befreit, trank Wein aus großen, bauchigen Gläsern, lachte röhrend und fast könnte man meinen, dass dies gar kein getrocknetes Blut sei, das dunkle, eisenhaltige Spuren auf ihren Armen hinterlassen hatte, dort, wo nicht gründlich genug gewischt worden war. „Man soll den Tod ernst nehmen, und die Verzweiflung!“ möchte der Leser dem Text entgegen schleudern. „Ja, genau!“, möchte der Text zurück schleudern. Doch wir greifen vor.

Zunächst nämlich kam das provençalische Huhn aus dem Ofen, nicht aus eigener Kraft, sondern vom Schweizer Bühnenautor unter die Flügel gegriffen, oder an den Bräter, wenn man ganz genau sein will. Am Huhn waren sehr viele Pflaumen, vom Madeira jedoch schmeckte man nichts. Die Künstlerin aß mit erstaunlichem Appetit, vielleicht jedoch musste sie auch nur Kräfte sammeln.

Ein weiterer anwesender Junglyriker, in Aussehen und Verhalten ein recht passgenaues Genduplikat von Michael Ballack, jedoch weitaus schlechtere Gedichte verfassend, berichtete derweil von den Vorteilen der privaten, im eigenen Koffer mitgeführten Bong, die er auch gerne einmal holen könne, schließlich sei doch bekanntermaßen der zarte Vogel Inspiration den Lockungen bewusstseinserweiternder Substanzen nicht abhold und baue sein Nest ohnehin zumeist auf dem Türstock der Pforten der Wahrnehmung. Niemand jedoch sah dies in diesem Moment ähnlich, wohl auch, weil der Junglyriker kurz zuvor noch aus seinem Œuvre vorgetragen hatte.

Je nun – stattdessen beschloss man einmütig den Rufen von Stephan Maus und Brad Pitt zu folgen, schließlich habe noch kein Verdauungsspaziergang dokumentiert zu Schaden geführt, vielmehr sogar solle Solchenes gar der Gesundheit zuträglich und ohnehin per se ein Gutes in der Welt sein. Zudem hielt man es allgemein für sehr gonzo, nun einmal den Brad Pitt zu suchen, beim Tom Cruise, und dann einen Text darüber zu schreiben für den Stephan Maus, beim „Stern“.

Auch die Künstlerin, deren Wangen nun wieder eine gesunde Färbung trugen, wohl auch von den großen Mengen roten Weines und der nicht zu unterschätzenden Heilkraft der besorgten Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesender herrührend, die wie eine sanftes Netz aus Wärme die Abendgesellschaft verband und umwob, verkündete, dass sie sich anschließen werde, sie müsse nur kurz etwas der Gelegenheit Angemesseneres anziehen und hoffe zugleich, dass nicht die dunklen Geister der Welt sie im Dachofen wieder anfallen würden, dort oben, weg von Menschen, Wärme, Sorgnis und Netz.

Natur- und erwartungsgemäß ritterlich boten sich umgehend mehrere der anwesenden Herren dar und an, die derangierte und zuspruchbedürftige Künstlerin zu begleiten und hilfestellend sämtlich mögliche Unbill, von wo auch immer sie käme, abzuwehren. Die Wahl der Künstlerin fiel auf Michael Ballack sowie auf einen Schweizer Buchautor, nicht zu verwechseln mit dem Schweizer Bühnenautor, welcher wiederum vorschlug, in der Zwischenzeit das Geschirr in die Küche zu tragen, schließlich seien die örtlichen Geister offensichtlich anderweitig beschäftigt.

Dann plötzlich ertönte ein gellender Schrei, wohl männlicher Provenienz, gefolgt von einem weiblichen Kreischen und einem bauchigen Weinglas, das an den Küchenfenstern vorbei fiel und in der Kieseinfahrt neben dem Hauptportal zerschellte. Man mag sich wohl denken, woher dies kam. Ungefähr dreißig Sekunden später hatte sich die gesamte Abendgesellschaft in dem kleinen, stickigen Dachzimmer der Künstlerin versammelt, in dem selbige, mittlerweile in einen lolitaesken rosa-blauen Rock nebst farblich passendem Büstenhalter gewandet, auf dem Boden vor dem geöffneten Fenster kauerte, rechts und links flankiert von Michael Ballack und dem Schweizer Buchautor, ersterer ihre Hand haltend und besorgt sowie eindringlich auf sie einwispernd, zweiterer eher leicht enerviert wirkend, hier und da gar ein Auge zur niedrigen Decke verdrehend.

Wie zu rekonstruieren war, hatten die Herren galant auf dem Flur vor der Zimmertüre gewartet, welche jedoch, ein glücklicher Zufall natürlich, welch böser Geist würde anderes vermuten, nicht ganz geschlossen, sondern nur angelehnt war, einen eben ausreichenden Spalt lassend, die Ecke des Zimmers nebst Fenster zu schauen. Der Künstlerin natürlich war dies nicht aufgefallen, zumindest verhielt sie sich so, also wie jemand, der sich unbeobachtet fühlt.

Dies sowohl während des Anlegens von Unterwäsche und Rock, was Michael Ballack in ungekünstelte Erregung und den Schweizer Buchautor in ungekünstelte Verlegenheit brachte, wie auch während des plötzlichen und doch sanft traurigen Innehaltens beim Anlegen des exaltiert wirkenden Oberteils, das schließlich in eine Art entrückte Starre vorm geöffneten Fenster mündete, in der einen Hand besagtes Oberteil, in der anderen das fast leere Weinglas.

Den Rest kann man sich denken, Künstlerin klettert mit Weinglas und plüschigem Oberteil in Händen auf die Fensterbank, Ballack und Buchautor stürmen ins Zimmer, retten Künstlerin und plüschiges Oberteil, jedoch nicht Weinglas vor der kombinierten Unbill von Architektur und Schwerkraft, es gibt Geschrei und Geklirre und eine abermals versammelte Abendgesellschaft, weiterhin mehr oder weniger bereit, warme Netze aus Sorgnis zu spinnen. Denn schließlich konnte nur, wer vollkommen herzlos ist, jetzt noch an Stephan Maus und Brad Pitt denken.

Derer jedoch gab es erstaunlich viele, und ein jeder mag sich selbst fragen, wie sehr dies anteilig nun dem abstrakten Reiz Hollywoods oder dem der konkreten Theatralik geschuldet war. So oder so wurde also gen Cruisens gegangen, nur eine Handvoll hartnäckig Beeindruckter blieb zurück, quasi als Vigilien der Künstlerin zur Seite stehend, bei was auch immer.

Vor besagtem Anwesen nun, Wunder was, war nichts zu sehen außer diversen parkenden Limousinen mit verdunkelten Scheiben sowie einer Meute Devoter, die auch ohne persönliche Aufforderung von Stephan Maus einen höchstwahrscheinlich wesentlich weiteren Weg auf sich genommen hatte, genau das Gleiche zu schauen.

Auf dem Rückweg dann war von irgendwoher folgender Ruf zu vernehmen, von der Abendluft verwischt, jedoch trotzdem deutlich: „Wir brauchen große Zielscheiben, in den Birkenwäldern bei Berlin!“ Davon inspiriert verbrachten der einzig anwesende Mensch mit einem normalen Beruf und ich den Rest des Abends damit, vergeblich zu versuchen, vermittels leerer Bierflaschen das Ende des Bootsstegs unten am See zu treffen, während aus dem hell erleuchteten Institut, das böcklin’sch fahl erleuchtet auf dem Hügel thronte, von fehlenden Zypressen kündend, neuerliche Geräusche von Versuch und Fehl klangen.

Mit dem Institut, meinte mein Begleiter, sei es wie mit fast allen anderen Umständen des Lebens: Ist man draußen, will man rein; ist man drinnen, will man raus. So sagen zumindest die Schriftsteller, meinte er.

Brad Pitt übrigens wurde tatsächlich gesichtet, an einem anderen Tag, an der Kasse einer Shell-Tankstelle hinter dem Berliner Hauptbahnhof. Ob er nur die Tankfüllung seines Motorrads zahlte oder noch anderes erwarb, wird ein Geheimnis bleiben. Und ganz am Ende schließlich war gar kein Geld, in keinem Buch.

Erschienen in: RE-COVERED. Neue deutschsprachige Prosa