— Paragraphien

Die Mäntel der Haut

Gesa Johanna Roskamp: KIMONO, 2006, Öl auf Segeltuch, 55 x 68 x 16 cm

Will man Gesa Johanna Roskamp in ihrem Atelier besuchen, so muss man weit in den Norden Berlins fahren. Dort befindet sich, an einer großen Einfallstraße, umringt von geduckten Plattenbauten, ein altes Gebäude aus früher DDR-Zeit, in dessen Hohlräumen wahrscheinlich der Asbest tanzt und bestimmt die Geschichte. Nach der Wende bot es für einige Zeit diversen Exotenfächern der Humboldt-Universität Obdach, wovon noch die Beschriftungen an manchen aufgelassenen Räumen zeugen, deren Anblick teilweise jedoch auch an ganz andere Umstände erinnert. Es gibt lange, linoleumbedeckte Flure, leere Zimmer, alte Telefone, zurückgelassene Dekorationen, Unmengen toter Fliegen vor kalten Heizkörpern, hier einen Papierkorb, dort einen Wandkalender von 2002, abgerissene Jalousien, einen halb übermalten Zeitungsausriss mit dem Bild Christoph Schlingensiefs, Blumentapeten aus den 60ern, einen Transformator in der sonst ausgeräumten Pförtnerloge, einen holzgetäfelten Aufzug. Abstruse Formen des Kunstschaffens und der Lagerkultur. Von irgendwoher Musik.

Nach dem Abzug der Akademiker vermittelte die Kunsthochschule Weißensee ihren Studenten hier günstige Atelierräume und mittlerweile lassen sich diese frei von der Baugenossenschaft mieten. Auf der ersten Etage befinden sich die Räumlichkeiten eines privaten Archäologieunternehmens, das im Auftrag des Landesdenkmalamtes Grabungen nahe des Alexanderplatzes leitet, wo bei Aushebungen für ein unterirdisches Parkhaus im letzten Jahr die Überreste eines Friedhofs aus dem 18. Jahrhundert gefunden wurden. An den Wänden hängen kopierte Stadtpläne mit orangefarben markierten Grabungsstätten, an einer Tür klebt der Hinweis: „Funde von St. Georgenkirche bitte in den Raum 260 im Flur ganz hinten links“. Bis vor Kurzem lagerte hier noch eine große Zahl menschlicher Knochen, nach anatomischen Kategorien sortiert, ihre letzte Hülle seit Jahrhunderten längst abgelegt.

Auf eben diesem Flur, inmitten all dessen, befindet sich, einer Oase gleich, Gesa Roskamps Atelier. Auch sie, 1982 in Ostercappeln geboren, einem kleinen Ort bei Osnabrück, ist auf Vermittlung ihrer Alma Mater Weißensee, wo sie zunächst bei Katharina Grosse studierte und später dann bei Antje Majewski, hierher geraten. 2008 war ihr Meisterschülerinnenjahr. Ihr kleiner Raum geht zur Straße hinaus und vormittags ist das Licht am besten. Es gibt einen Tisch, zwei Stühle und diverse Regale voller Malutensilien. Und natürlich Leinwände, viele Leinwände, auf denen Farbe ist und Dinge sich zeigen. Dinge, die man nicht sieht. Gesa Roskamp malt keine Porträts, sondern verhüllte Körper, die wiederum nur Platzhalter sind für das, was sich hinter und in ihnen verbirgt.Der uralte Diskurs von Verhüllen und Enthüllen, von Sichtbar und Unsichtbar zeigt sich in einer ganz neuen, anderen Variante.

[…]

Die Oberflächen, mit denen man es hier scheinbar zu tun hat, verweisen zugleich auf sich selbst und auf das, was sie verhüllen. In einem sehr bewussten Umgang mit dem Formenkanon der Kunstgeschichte, der mal an den entrückten Manierismus Jacopo Pontormos, mal an die stilisierte Ikonographie Tamara de Lempickas erinnert, geht es immer um den Verweis auf das Geheimnis, das sichtbare Unsichtbare, das sich ein- und entfaltet in den Varianten der Bekleidung. Zumeist sitzen die Schwestern Modell, nicht aus familienmythologischen Gründen, sondern vielmehr, weil der Körper hier nur ein Gerüst ist, über das sich die Hülle des Stoffes legt. Und der natürlich auch selber nur Verhüllung ist: Hülle des Fleisches, in die Seele, Geist, das abstrakt Metaphysische, Ideale, nicht direkt Sichtbare, wie auch immer man es nennen will, eingeschlossen sind.

Das Sehen des Dinges an sich durch alle Bekleidung und Verhüllung hindurch in seinen exakten Einzelheiten ist nicht möglich, die nackte Wahrheit kann man niemals sehen. Die Substanz, das Abstrakte ist immer verhüllt – man kommt nicht näher heran, als darauf zu zeigen, zu verweisen und selbst dann heißt dies auch, dass wir nicht genau wissen, worauf denn da gezeigt wird, was sich verbirgt, im nicht Sichtbaren, wir wissen nur, dass es ein Geheimnis ist. Vielleicht also ist gerade der Verweis auf das nicht Sichtbare, immer Verhüllte die konkreteste Variante einer Enthüllung?

Die Kunst stellt dem, was ohne Realität ist ein Kleid, eine Hülle, ein Simulacrum zur Verfügung, sie zwingt das zur Präsenz, was abwesend ist. Das Kunstwerk ist die Aktualisierung dessen, was weder mitteilbar noch darstellbar ist. Dieses „Etwas“ kommt nicht aus dem Inneren, aus der Subjektivität oder dem Ich, sondern von Außen, und darum ist es nicht Ausdruck, sondern Ähnlichkeit. Kunst bewegt sich in einer mimetischen Dimension. Die Hülle der (gemalten) Kleidung ist also kein Hindernis für die Schau mit bloßem Auge, sondern vielmehr ihre Bedingung. Der Körper löst sich auf hinter der Hülle der Bekleidung, obwohl er doch selbst nur Hülle ist – im Medium der Malerei, der Abbildung, der Darstellung, der Mimesis. Farbpigmente auf dem textilen Gewebe der Leinwand, die selbst lesbarer Text werden.

Die Haut selbst ist natürlich ebenfalls Bekleidung, Hülle – die äußerste Schicht des Vehikels, das der Körper für den Geist darstellt. Dies korrespondiert mit der altmeisterlichen Lasurtechnik, die Roskamp verwendet – Schicht über Schicht entsteht die Illusion lebenden, atmenden Fleisches, dort, wo das gemalte Textil es frei gibt. Ein Verweis auch auf die anatomischen Darstellungen des Barock, die den Körper vom Letzten, von sich selbst entkleiden. Jedoch, wo kommt man da hin? Die Seele, das Subjekt, wird man nicht finden. Wieder nur ein finaler Verweis. Alles bleibt bis zuletzt Gewebe, Kleid. Die Gemälde aber werden die Körper überleben.

 

Erschienen in: OPAK #1 / 2009 [Artikel als >> PDF] sowie als
Begleittext zur Ausstellung After Dark in der Galerie ZERN

Weitere Arbeiten der Künstlerin finden sich hier