— Paragraphien

Der Traum ist aus

American Dream

„Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann – wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, dass die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewickelte Spule, zusammengehalten hatten.“

Mit diesen Worten beginnt der Journalist George Packer den Prolog seines ambitionierten Sachbuchs, das in Gestalt einer Collage von Porträts und Stimmen den Zustand einer Nation abbildet, deren gesellschaftlicher Zusammenhalt in Auflösung begriffen scheint. Die Kernthese dabei ist, dass im Verlauf der vergangenen 35 Jahre die demokratischen Grundwerte der USA von den Verlockungen eines zügellosen Kapitalismus irreparabel untergraben wurden. Schlimmer noch: Der Sozialvertrag, der seit Franklin D. Roosevelts Sozialstaatsreformen galt, blieb dabei auf der Strecke: „Als die Abwicklung der Normen begann, auf denen die Nützlichkeit der alten Institutionen beruhte, und die Anführer ihre Stellungen räumten, löste sich die Roosevelt Republic, die beinahe ein halbes Jahrhundert lang das Leben beherrscht hatte, vollständig auf. Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld.“

Das „neue Amerika“, das in Die Abwicklung sichtbar wird, ist ein Flickenteppich aus gescheiterten Institutionen, betrügerischen Pyramidensystemen, Konkursen, Zwangsvollstreckungen, Unwissenheit und Angst. Das Grundgerüst des Buchs, beruhend auf Packers Reportagen für den New Yorker, sind die breit angelegten Lebensgeschichten „ganz normaler“ US-Bürger, die in ihrem Alltag begleitet werden. Diese Hauptfiguren sind Dean Price, ein Biodieselunternehmer aus North Carolina; die Fabrikarbeiterin Tammy Thomas aus Ohio im krisengeschüttelten „Rust Belt“ der Vereinigten Staaten; die von Sozialhilfe lebende Familie Hartzell aus Florida; der zunächst von politischen Idealen geleitete Jeff Connaughton, der sich jedoch zum gutverdienenden Lobbyisten in Washington wandelt; sowie der kalifornische PayPal-Mitgründer Peter Thiel.

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Ergänzt werden ihre Geschichten von Collagen aus Schlagzeilen, Liedertexten und Werbeslogans sowie Kurzporträts von prominenten US-Amerikanern wie dem Schriftsteller Raymond Carver, Rapper Jay-Z, dem Politiker Newt Gingrich oder der Ernährungsaktivistin Alice Waters.

Packer lässt in diesem Schnappschuss der US-Gegenwart vor allem seine Protagonisten sprechen, deren einzelne Stimmen sich nach und nach zu einem nicht besonders rosigen Gesamtbild fügen. Dieses passt zu einem weit verbreiteten Blick auf die Vereinigten Staaten, bei dem europäische Verhältnisse in puncto Sozialstaat das Nonplusultra sind, die Wirtschaftskrise hingegen als Beweis für das allumfassende Scheitern des amerikanischen Traums gilt. Interessanterweise sind es jedoch der Lobbyist Connaughton und der IT-Milliardär Thiel, eigentlich Protagonisten ihrer eigenen Erfolgsgeschichten, die den am meisten desillusionierten Eindruck machen.

Diejenigen hingegen, die eher am Rande des sozialen Spektrums stehen, gehen immer wieder voller Optimismus die Überwindung ihrer Misserfolge an. Diese Beobachtung korrespondiert mit einer Feststellung, die Packer ebenfalls in seiner Einführung macht: „Die Abwicklung ist nichts Neues. Alle ein oder zwei Generationen vollzieht sich eine solche. (…) Jeder Zusammenbruch hat eine Erneuerung hervorgebracht, jede Implosion hat Energie freigesetzt, jede Abwicklung hat zu neuem Zusammenhalt geführt.“

Auch diese Hoffnung auf Neubeginn ist in gewisser Weise eine alte US-amerikanische Tugend, sodass sich vielleicht auch mit dieser Krise die Gesellschaft wie so oft einfach neu formiert, anstatt auseinanderzudriften. Und je mehr man sich von der linksliberalen Ostküste entfernt, desto eher findet sich die Tendenz, die Vorgänge auf diese Art zu interpretieren.

So oder so jedoch trifft Die Abwicklung den Nerv einer Debatte um den inneren Frieden, die die US-amerikanische Nation angesichts wachsender Ungleichheit seit geraumer Zeit prägt.

George Packer: Die Abwicklung, S. Fischer 2014.

 

Erschienen in: der Freitag 30 / 2014, S. 25

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