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Déformation professionnelle

Olivetti, rot

Mitte der 1960er Jahre begann sich in den USA eine journalistisch-literarische Strömung zu entwickeln, die man mittlerweile rückwirkend mit dem Begriff „New Journalism“ etikettiert. Junge Autoren wie Tom Wolfe, Norman Mailer, Truman Capote, Joan Didion und Hunter S. Thompson nahmen die strenge Trennung von Fakten und Fiktion nicht mehr allzu ernst und begriffen die journalistische Darstellung tatsächlicher Ereignisse eher als Ausgangsmaterial, das sie mit literarischen Techniken wie dialogischem Erzählen, detaillierten Szenenkonstruktionen oder auch freien Gedankenassoziationen anreicherten. Plötzlich wurden die starren Grenzen zwischen Journalismus und Literatur – vielleicht auch zwischen Schreiben und Leben selbst – fließend. Besser schreiben hieß: näher „dran zu sein“ und für das Erlebte eine aufregende, neue Sprache zu finden.

Zudem kannten die Akteure des „New Journalism“ keine Berührungsängste mit der amerikanischen Alltags- und Populärkultur; sie machten sie vielmehr zu ihrem Gegenstand. Naturgemäß wurde das neue Genre vom konservativen Journalismus verdammt, da es mit heiligen Grundsätzen der Branche brach, mit Ausgewogenheit, Objektivität und kritischer Distanz.

Während in den USA der Journalismus derart ein wenig entstaubt wurde, verließ der 1952 geborene Helge Timmerberg die Schule mit der mittleren Reife, um anschließend von Bielefeld nach Indien zu trampen, wo er in einem Ashram im Himalaja beschloss, Journalist zu werden. Nach seiner Rückkehr begann er 1972 ein Volontariat bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld und landete schließlich beim Stern. Während dieser Zeit entdeckte er Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson, das ihn nachhaltig beeindruckte. In den folgenden Jahren reiste und schrieb Timmerberg für Publikationen wie Wiener, Playboy, Bunte und – Tempo.

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Paradies

Anfang 2015 lud Thomas von Steinaecker neun Kollegen dazu ein, mit ihm gemeinsam in einem Online-Erzählprojekt der realen Geschichte zweier junger Frauen, die sich dem IS in Syrien angeschlossen haben, nachzuspüren. Drei Wochen lang schrieben die Autoren Erzählkapitel und diskutierten über Traditionen politischen Schreibens, moralischen Anspruch und Grenzen von Literatur. Diese Fragen, respektive diejenige danach, was das Erzählen heutzutage sein kann (und sein soll?), ziehen sich gewissermaßen als roter Faden durch die Arbeiten des Autors.

Bereits sein Debüt Wallner beginnt zu fliegen hinterfragt, wie wir unsere Lebenswirklichkeit wahrnehmen – und wie damit umzugehen ist, wenn sich die Grenzen dessen, was wir als „real“ erfahren, verschieben und auflösen. Der Text dreht die klassische Blickrichtung des Familienromans um und gibt jeder der drei beteiligten Generationen ihre eigene Sprache. Doch welche dieser Erzählungen bildet es nun ab, das „wahre Leben“? Erinnerung und Lüge, Story und Legende, Realität und Fiktion werden ununterscheidbar.

Thomas von Steinaeckers zweiter Roman Geister lotet diese Thematik noch weiter aus und lässt seine Protagonisten im Grenzgebiet zwischen Realität, Tagtraum, Gedankenspiel und Parallelwelt umherwandeln. So erzählt der Text von einer Gesellschaft, die ständig neue Bilder und Versionen der eigenen Lebenswelt produziert und verweist bereits 2008 auf unsere Inszenierungen in den sozialen Netzwerken.

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Peter J. Smith for the Wall Street Journal

Seit Richard Price 1974 im Alter von 24 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte, standen im Zentrum seines thematischen Universums immer die Arbeit der Gesetzeshüter sowie die Umtriebe auf der anderen Seite des Gesetzes, die diese Arbeit überhaupt erst notwendig machen. Trotzdem wird er nur selten als klassischer Krimiautor bezeichnet, vielmehr häuften sich über die Jahre die Stimmen, sowohl bei der Käuferschaft wie auch im Feuilleton, dass sein erzählerisches Talent ihn längst über derartige Genrebegriffe hinausgehoben habe.

Dies liegt nicht zuletzt an der realistischen Qualität seiner Dialoge, für die Price von Anfang an gefeiert wurde und die bereits 1986 die Aufmerksamkeit der Filmindustrie auf ihn lenkte, für die er seitdem regelmäßig Drehbücher verfasst – wie beispielsweise Die Farbe des Geldes, das ihm 1987 eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Ebenso wirklichkeitsnah wie die Sprache seiner Protagonisten ist auch die moralische Landschaft, in der sie sich bewegen. Diese nämlich ist mitnichten von den üblichen Klischees der Kriminalgeschichte geprägt, vielmehr tun hier schlechte Menschen gute Dinge und umgekehrt, und nichts ist eindeutig schwarz oder weiß. Ganz eben wie im sogenannten echten Leben.

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Gegend Entwürfe„GEGEND ENTWÜRFE ist ein Jahrbuch für Literatur aus einem gerne unterschätzten Landstrich, ein Schrei nach Liebe aus der Provinz und zur Provinz. GEGEND ENTWÜRFE ist geschützt und macht, was Literatur nicht darf: Halt an den Grenzen, zumindest den geographischen. Denn dieses Jahrbuch will die literarische Szene eines Bundeslandes vermessen, das in den letzten Jahren viel zu oft als Heimat des Eifelkrimis von sich reden gemacht hat. In Rheinland-Pfalz beginnt Literaturgeschichte gerne. Aber sie wird schnell flügge. Und dann kennt sie keine Grenzen mehr. GEGEND ENTWÜRFE zeigt Literatur im Neststadium – und noch einiges mehr: Rheinland-Pfalz als Ort des Infernos (nach Dante), große Nestflüchter aus Hamburg und Berlin, eine Kartographie des Preisregens und Gespräche über Gott und die Welt.“

Mit Beiträgen von Nina Sahm, Ken Yamamoto, Thomas Palzer, Emil Fadel, Michael Sieben, Nadja Schlüter, Ann-Kathrin Ast, Achim Stegmüller, Andreas Martin Widmann, Frank Hertweck, Kurt Flasch, Hans Thill, Ror Wolf, Dorian Steinhoff, Lutz Herrschaft, Erich Renner, Guido Rohm, Marion Poschmann, Monika Rinck, Christoph Peters, Nico Bleutge, Theresa Hahl, Hanns-Josef Ortheil, Jürgen Kross, Nora Bossong, Myriam Keil, Kristina Nenninger, Daniel Windheuser, Alice Kerpen, Manon Hopf, Andreas Berg, Philip Herold, Norbert Lange, Daniel Ableev, Harald Martenstein, Rainer Moritz, Mit Gesprächen zwischen: Ilija Trojanow, Jürgen Klopp, Philipp Wittmann und Henrik Hörmann, Nelli Kavouras, Marie Radkiewicz und Zarah Weiss. Collagen von Ror Wolf.

[Aus der Einführung des Kapitels Gegen-Maßnahmen: „Die poetische Anverwandlung des Hauptwerks von Claude Lévi-Strauss: ‚Traurige Tropen‘ hat sich Daniel Windheuser zur Aufgabe gemacht. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Tropen in Endzeitstimmung.“]

GEGEND ENTWÜRFE. Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz
300 Seiten, Hardcover mit Fadenheftung
24,80 Euro (D), 25,40 Euro (A)
ISBN 978-3-939557-86-9

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